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Ist Russisch noch aktuell?

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Warum unsere Kinder Russisch lernen sollten

Russisch ist eine schwierige Sprache. Die Buchstaben sind fremd.
Russisch ist ideologisch besetzt, mussten doch noch vor 25 Jahren alle Kinder im Osten Deutschlands Russisch lernen.
Russland ist ein undemokratisches Land, viele Deutsche sehen mit Kopfschütteln und Unverständnis auf die Politik des russischen Präsidenten Vladimir Putin.

Aber noch vor wenigen Jahren war vor allem in Berlin oft zu lesen „Вер дас лесен канн, ист кайн думмер весси“.
Auch wenn Wut und ein wenig Arroganz aus diesen Worten sprechen, steckt doch ein wahrer Kern hinter dieser Anekdote: Mit der Sprache lernen wir auch das Land besser kennen, erfahren von der geographischen Größe und Vielschichtigkeit: Über vier Klima- und elf Zeitzonen zieht sich dieses Riesenland Russland. Wir finden wilde, kilometerbreite Flüsse und ewiges Eis, Palmen in subtropischen Gebieten, Achttausender in den Hochgebirgen und die weiten Steppen, über die einst Tschingis Chan seine Reiterheere gen Westen schickte. Hochburgen des Tourismus erwarten jährlich Millionen Besucher, wie die berühmte Stadt Sankt Petersburg im Norden oder die Schwarzmeerküste im Süden. Dem gegenüber stehen Hunderte von Kilometern unberührter Natur in den Weiten Sibiriens, das Lied von der Schönheit des Baikalsees klingt inzwischen über Ländergrenzen hinweg und erzählt ein Märchen von Geheimnissen unendlicher blauer Tiefe und romantischer Dörfer mit holzgeschnitzten Fassaden an dessen Ufern, umgeben von undurchdringlichen Wäldern, in denen die Hexe Baba Jaga wohnt und Iwanuschka nach seiner Aljonuschka sucht.

Mit der Sprache lernen wir die Mentalität eines Volkes besser kennen, verstehen Verhaltensweisen, gewinnen einen Einblick in Kultur und Geschichte, erfahren von Erfolgen in Wissenschaft und Wirtschaft.
Und von letzterem hat Russland eine ganze Menge aufzuweisen.
Kein amerikanischer Astronaut könnte heute ohne eine russische Sojus-Rakete die internationale Raumstation ISS besuchen. Auch auf anderen Gebieten der Wissenschaft und Technik hat Russland eine Vorreiterrolle inne. Reichtum und Größe dieses Landes beruhen sowohl auf dem Reichtum an Bodenschätzen, wie Erdöl und Erdgas, Erzen, Diamanten und Gold, als auch an technischem Know-how.
Die russische Wirtschaft ist derzeit die fünfstärkste der Welt und rangiert noch vor Deutschland, Großbritannien und Brasilien mit einer überdurchschnittlichen Entwicklungsquote.

2012 gab es in Russland etwa 6100 Unternehmen mit deutscher Beteiligung, deren Investitionen deutschen Statistiken zufolge 2012 104 Milliarden US $ betrugen. In Deutschland arbeiten ca. 5000 Unternehmen mit russischem Kapital mit einem Umsatz von 40 Milliarden Euro im Jahr 2012, 2,94 Milliarden US $ wurden von Russland in den ersten drei Quartalen 2012 in die deutsche Wirtschaft investiert. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Russland betrug 2012 80 Milliarden US $. 40% seines Erdgasbedarfs importiert Deutschland aus Russland, die 1220 Kilometer lange „Nord Stream Pipeline“ durch die Ostsee, eins der wichtigsten deutsch-russischen Kooperationsvorhaben, wurde im November 2011 eingeweiht, im Oktober 2012 ging auch der zweite Strang der Leitung ans Netz. In Brandenburg erreicht die russische Beteiligung an Unternehmen einen Spitzenwert von 95%. (Zum Vergleich: 3100 deutsche Unternehmen sind in Frankreich präsent, 1100 Unternehmen in Spanien, 2000 deutsche Firmen in ganz Lateinamerika.) Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass immer mehr Schulleiter in Brandenburg Russisch als Unterrichtsfach durch Sprachen wie Spanisch, Französisch oder Italienisch ersetzen. (Nichts gegen diese Sprachen: Sie sind wunderschön! Spanisch und Französisch lernte ich einst selbst an der Erweiterten Oberschule „Romain Rolland“ in Dresden und habe mein Abitur in beiden Sprachen abgelegt.) Aber von den 914 staatlichen Schulen im Land Brandenburg bieten nur noch rund 140 Schulen Russischunterricht an.
Firmen mit Niederlassungen in Russland sind z.B. Siemens, Haribo, VW, Mercedes, BDF Beiersdorf, Rittersport, Lufthansa, ThyssenKrupp, Ehrmann, Deutsche Bank, Bayer, MetroGroup, Fresenius Medical Care, T-Systems, e-on/Ruhrgas, BASF usw. usw.
Wer in die Automobilbranche möchte, sich für Schiffs- und Maschinenbau interessiert, einmal in der Pharma-, Chemie- oder Lebensmittelindustrie einsteigen will, Landwirtschaft und Transport favorisiert, die langen Erdgas- und Erdöltrassen bewundert und an ihrer Erhaltung und Erweiterung mitarbeiten will, hat mit Russischkenntnissen gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
In Russland und in der Zusammenarbeit mit Russland liegen für junge Menschen also hervorragende Berufschancen. Und wer schon als junger Mensch das Land, seine Menschen und seine Sprache kennen lernt, kann diese Chancen besser nutzen. Nur wenige Russinnen und Russen sprechen fließend Englisch oder Deutsch. (Und mal ehrlich: Sprechen alle Deutschen Englisch fließend?)

Russisch ist eine der sechs UNO-Arbeitssprachen und eine besonders in Osteuropa und in den GUS-Staaten verbreitete Verkehrs- und Diplomatensprache. Russisch ist also das Tor zum oft noch so unbekannten Osten Europas. Und wer Russisch beherrscht, dem fällt es nicht schwer, noch weitere slawische Sprachen zu erlernen.
Der Einfluss Russlands auf dem politischen Parkett entspricht seiner territorialen und wirtschaftlichen Größe, an den Brennpunkten Asiens und Teilen Afrikas hat Russland, „unbemerkt“ von deutschen Medien, längst eine führende Rolle übernommen.

Russland wurde im Westen fast immer in Schwarzweißtönen dargestellt, und im Moment überwiegt das Finstere. Dabei gibt es in Russland, wie überall, viele Halbtöne. Und vieles ändert seine Farbe, je nachdem, aus welchem Blickwinkel es betrachtet wird. Natürlich kann man Deutschland und seine Beziehungen zu Russland nicht aus dem Kontext der Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO und in der EU herausreißen. Ebenso kann man Russland nicht außerhalb des Kontextes der GUS und der zu schaffenden Eurasischen Union betrachten. Und auch amerikanische Interessen spielen, unabhängig und in Bezug zu Deutschland, eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Aber ungeachtet aller Kontroversen zwischen den Staaten leben wir auf nur einer Erde. Die Kenntnis der Sprache fördert durch Erkenntnisse das Verständnis für das andere Volk, für Verhaltensweisen; im alltäglichen Leben, in der Arbeit wie auch in der Politik.
In der Einschätzung politischer und gesellschaftlicher Ereignisse in der Welt gehen wir viel zu schnell und zu oft von unserem eigenen Standpunkt und Erleben aus und übertragen dies dann auch viel zu schnell auf den unbekannten Anderen. Die Medien sind in dieser Hinsicht meist wenig hilfreich, weil sehr oft einer bestimmten politischen Meinung oder Partei im Land oder dem Zwang des Mainstream dienen.
Gerade weil Deutschland in der Mitte Europas liegt, bereitet die Kenntnis der russischen Sprache einen fruchtbaren Boden für eine europa- und weltoffene Haltung. Die Zukunft liegt nicht in der Konfrontation der Staaten. Die Zukunft liegt in der Zusammenarbeit aller, um die globalen Fragen und Probleme dieser Welt im Interesse aller anzugehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Unsere Welt ist reich und unser Leben wird in zunehmendem Maße reicher, wenn wir die Welt mit ihren vielen verschiedenen Besonderheiten in unser Leben hineinlassen.

Um auf den Anfang zurückzukommen: Russisch lernt sich nicht schwerer als jede andere europäische Sprache. Aufgrund der klaren grammatischen Regeln ist die Kommunikationsfähigkeit in dieser Sprache sogar schneller zu erreichen als im Französischen. Na klar sieht die Schrift geheimnisvoll aus. Und kommen Schüler zu mir in den Russischraum unserer Schule, die keinen Russischunterricht haben (z.B. in Vertretungsstunden), stehen sie oft voller Neugier vor den Wandzeitungen und Plakaten mit den unbekannten Buchstaben. Tritt dann ein Schüler der Klasse hinzu, welcher den Russischkurs besucht, ist schon ein wenig Bewunderung zu beobachten, wenn er die „Geheimsprache“ dechiffrieren kann.

Also liebe Kinder, lernt als zweite Fremdsprache Russisch und die Welt wird sich euch ein Stück weiter öffnen; liebe Eltern, lasst eure Kinder Russisch lernen, um deren Berufschancen zu verbessern; liebe Schulleiter, lasst euch nicht von einseitigen politischen Anschauungen beeinflussen und lasst Russisch als zweite Fremdsprache wieder zu. Es ist eine Chance für die Schule und die Schülerinnen und Schüler.

Petra Kossick
Gymnasiallehrerin für Russisch und Deutsch
Fachseminarleiterin für Russisch, Landesinstitut für Lehrerbildung Brandenburg (Studienseminar Cottbus)
Fachkonferenzleiterin und Fachlehrerin an der Theodor-Fontane-Schule Cottbus

Quellen: